Die Idee klingt zunächst einfach: Menschen kümmern sich umeinander. Nachbarinnen unterstützen einen älteren Bewohner im Haus, Ehrenamtliche begleiten schwer erkrankte Menschen, Angehörige werden entlastet und professionelle Dienste sind erreichbar, wenn ihre Unterstützung benötigt wird. Doch aus einzelnen hilfsbereiten Menschen entsteht noch keine Caring Community.
Eine sorgende Gemeinschaft braucht Beziehungen, aber auch Strukturen. Menschen müssen voneinander wissen, Unterstützung muss erreichbar sein und professionelle wie freiwillige Akteure müssen miteinander kommunizieren können. Kommunen, Vereine, soziale Einrichtungen, Hospizdienste, Palliativversorgung und Bürgerinnen und Bürger kommen dabei mit unterschiedlichen Aufgaben und Möglichkeiten zusammen.
Die entscheidende Frage lautet deshalb: Wie lässt sich eine solche Gemeinschaft aufbauen, ohne Fürsorge von oben zu organisieren oder Aufgaben professioneller Versorgung einfach ins Ehrenamt zu verschieben? Genau mit dieser Frage beschäftigt sich auch das Projekt PALLAS.
Caring Community ist mehr als gute Nachbarschaft
Der Begriff Caring Community – oder sorgende Gemeinschaft – beschreibt zunächst eine gesellschaftliche Idee: Sorge für Menschen, die Unterstützung benötigen, soll nicht ausschließlich innerhalb der Familie oder durch professionelle Einrichtungen stattfinden. Auch das soziale Umfeld und die Gemeinschaft, in der ein Mensch lebt, können einen Beitrag leisten. Das kann sehr unterschiedlich aussehen. Eine Nachbarin übernimmt gelegentlich einen Einkauf. Ein Ehrenamtlicher besucht regelmäßig einen schwer erkrankten Menschen. Eine Selbsthilfegruppe bringt Menschen mit ähnlichen Erfahrungen zusammen. Ein Hospizdienst vermittelt Unterstützung. Die Kommune stellt Räume zur Verfügung oder finanziert eine Koordinierungsstelle. Ein Sportverein sorgt dafür, dass ein langjähriges Mitglied trotz Erkrankung nicht aus dem sozialen Leben verschwindet.
Das Entscheidende daran ist nicht die einzelne Hilfeleistung. Entscheidend ist, ob daraus ein tragfähiges Netz entsteht. Die Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen versteht Caring Communities entsprechend als gemeinschaftlichen Ansatz, bei dem Bürgerinnen und Bürger, Politik, Verwaltung, professionelle Akteure und zivilgesellschaftliche Organisationen zusammenwirken. Damit wird aus einer zunächst privaten Frage – „Wer kümmert sich um mich, wenn ich Unterstützung brauche?“ – auch eine kommunale und gesellschaftliche Frage.
Göttingen: Versorgung und Gemeinschaft zusammendenken
Wie das praktisch aussehen kann, zeigt die Caring Community Göttingen. Das Projekt verfolgt ausdrücklich das Ziel, haupt- und ehrenamtliche Strukturen, Bürgerinnen und Bürger sowie Akteure aus Politik und Kommune miteinander zu verbinden. Dabei geht es nicht nur um Menschen am unmittelbaren Lebensende. Gerade Übergänge können problematisch sein. Nach einem Krankenhausaufenthalt ist die medizinische Behandlung vielleicht abgeschlossen und die Entlassung organisiert – zu Hause beginnt aber möglicherweise erst die eigentliche Herausforderung. Wer besorgt Lebensmittel? Wer begleitet zu einem Termin? Wer merkt, dass jemand mit der Situation überfordert ist? Wer hilft dabei, das richtige Unterstützungsangebot zu finden? Und wer ist einfach da? An solchen Schnittstellen zeigt sich ein grundsätzliches Problem unseres Versorgungssystems: Für medizinische, pflegerische und soziale Aufgaben existieren unterschiedliche Zuständigkeiten. Das Leben eines Menschen lässt sich jedoch nicht in diese Zuständigkeiten aufteilen.
Das Göttinger Projekt versucht deshalb, Versorgung stärker vom Alltag der Betroffenen aus zu denken und unkomplizierte Hilfen mit bestehenden professionellen und ehrenamtlichen Angeboten zu verbinden. Für PALLAS ist gerade dieser Gedanke interessant. Nicht eine weitere Institution soll alle Aufgaben übernehmen. Vielmehr stellt sich die Frage, wie die vorhandenen Ressourcen eines Ortes so miteinander verbunden werden können, dass Menschen nicht zwischen ihnen verloren gehen.
Selbsthilfe bedeutet mehr als eine Selbsthilfegruppe
Eine wichtige Rolle kann dabei Selbsthilfe spielen. Der Begriff wird häufig mit organisierten Gruppen verbunden, in denen Menschen mit einer bestimmten Erkrankung oder ihre Angehörigen Erfahrungen austauschen. Das ist ein wichtiger Teil davon. Im weiteren Sinne steckt dahinter aber ein Prinzip, das für Caring Communities zentral ist: Menschen sind nicht nur Empfängerinnen und Empfänger von Hilfe. Sie verfügen selbst über Erfahrungen, Wissen, Fähigkeiten und soziale Beziehungen.
Wer einen Partner über Jahre durch eine schwere Erkrankung begleitet hat, besitzt beispielsweise Erfahrungswissen, das kein Lehrbuch vollständig vermitteln kann. Menschen, die selbst einen Angehörigen verloren haben, können anderen Trauernden auf eine andere Weise begegnen als professionelle Beratungsstellen. Und wer seit Jahrzehnten in einem Quartier lebt, weiß möglicherweise besser als eine externe Organisation, welche Menschen, Treffpunkte und informellen Netzwerke dort wichtig sind.
Eine Caring Community sollte dieses Wissen nicht lediglich nutzen. Sie sollte Menschen die Möglichkeit geben, selbst mitzuentscheiden, welche Unterstützung in ihrem Umfeld gebraucht wird. Deshalb ist Beteiligung so wichtig. Eine Kommune kann eine Befragung durchführen und anschließend ein Angebot planen. Sie kann aber auch Bürgerinnen und Bürger, Betroffene, Angehörige, freiwillig Engagierte und professionelle Akteure von Beginn an zusammenbringen und gemeinsam mit ihnen herausfinden, was bereits funktioniert und was fehlt. Der Unterschied ist grundlegend: Im ersten Fall werden Menschen versorgt. Im zweiten gestalten sie ihre Gemeinschaft aktiv mit.
Eine Caring Community braucht jemanden, der Verbindungen schafft
Ganz ohne Organisation funktioniert allerdings auch Selbstorganisation selten dauerhaft. Eine der wichtigsten Aufgaben besteht deshalb in der Koordination. Jemand muss wissen, welche Angebote vorhanden sind. Kontakte müssen hergestellt, freiwillig Engagierte begleitet und professionelle Stellen einbezogen werden. Neue Initiativen benötigen möglicherweise Räume, Finanzierung oder fachliche Unterstützung.
Auch die Handlungsempfehlungen zur Umsetzung der Charta sehen Kommunen deshalb in einer wichtigen Rolle. Sie können Caring Communities nicht verordnen, aber Rahmenbedingungen schaffen, Engagement fördern, Akteure miteinander vernetzen und entsprechende Prozesse dauerhaft unterstützen. Das unterscheidet eine Caring Community von der romantischen Vorstellung, früher habe sich eine Dorfgemeinschaft eben selbstverständlich um alle gekümmert.
Moderne Gesellschaften funktionieren anders. Familien leben über große Entfernungen verteilt, Menschen wechseln häufiger ihren Wohnort, Nachbarschaften sind heterogener und Lebensentwürfe vielfältiger. Gleichzeitig leben immer mehr Menschen bis ins hohe Alter allein. Gemeinschaft muss deshalb teilweise neu ermöglicht werden. Das kann eine Koordinierungsstelle sein. Ein Quartiersmanagement. Ein Nachbarschaftszentrum. Ein Hospizverein, der seine Arbeit stärker in den Sozialraum öffnet. Oder eine kommunale Stelle, die Akteure zusammenbringt, die bislang kaum miteinander gearbeitet haben. Welche Struktur funktioniert, hängt vom jeweiligen Ort ab.
Was in Göttingen funktioniert, muss anderswo nicht funktionieren
Eine Caring Community in einem großstädtischen Quartier mit vielen sozialen Einrichtungen braucht möglicherweise etwas anderes als eine ländliche Gemeinde, in der zwar starke persönliche Netzwerke bestehen, professionelle Angebote aber weit entfernt sind. Auch die Bevölkerungsstruktur spielt eine Rolle. Gibt es viele ältere Alleinlebende? Wie hoch ist der Anteil von Menschen mit Migrationsgeschichte? Welche religiösen Gemeinschaften gibt es? Existieren bereits aktive Vereine? Gibt es Treffpunkte? Wie gut ist der öffentliche Nahverkehr? Welche Hospiz- und Palliativstrukturen sind vorhanden?
Caring Communities lassen sich deshalb nicht wie ein fertiges Programm kopieren. Man kann aber untersuchen, welche Prinzipien sich übertragen lassen. An der Stelle setzt die wissenschaftliche Arbeit von PALLAS an. An mehreren Modellstandorten soll erprobt werden, wie professionelle Palliativversorgung und Hospizarbeit mit Sozialraumentwicklung, kommunalen Strukturen und bürgerschaftlichem Engagement verbunden werden können. Dabei geht es nicht nur darum, erfolgreiche Einzelprojekte zu sammeln. PALLAS will herausfinden, warum etwas funktioniert, unter welchen Bedingungen es funktioniert und was andere Kommunen daraus lernen können.
Sorge ist eine gemeinsame Aufgabe – aber nicht dieselbe Aufgabe für alle
Eine Caring Community bedeutet deshalb auch nicht, dass künftig alle Menschen ihre Nachbarinnen und Nachbarn pflegen sollen. Professionelle Pflege bleibt professionelle Pflege. Medizinische Versorgung bleibt Aufgabe entsprechend qualifizierter Fachkräfte. Hospizarbeit benötigt ihre eigenen Strukturen und Qualifikationen. Kommunen bleiben für öffentliche Aufgaben verantwortlich.
Gemeinschaft ergänzt diese Strukturen um etwas, das sich professionell nur begrenzt herstellen lässt: soziale Beziehungen, Zugehörigkeit, alltägliche Aufmerksamkeit und gegenseitige Unterstützung. Deshalb müssen die unterschiedlichen Rollen miteinander verbunden werden. Eine sorgende Gemeinschaft funktioniert nicht, weil alle dasselbe tun. Sie funktioniert, weil unterschiedliche Menschen und Institutionen unterschiedliche Dinge beitragen können – und wissen, wie sie zueinanderfinden.
Das macht den Aufbau von Caring Communities zu einer gesellschaftlichen Gestaltungsaufgabe. Es geht um professionelle Versorgung und Ehrenamt, aber ebenso um Selbsthilfe, Beteiligung, kommunale Verantwortung und die Frage, welche Formen gegenseitiger Sorge wir in unseren Städten und Gemeinden ermöglichen wollen. PALLAS möchte gemeinsam mit den Modellstandorten herausfinden, wie solche Strukturen entstehen und dauerhaft etabliert werden können. Auf dieser Basis kann man vielleicht Bedingungen schaffen, unter denen sie auch an anderen Orten wachsen kann.
