Einsamkeit im Alter – was ein Quartier dagegen tun kann

Ein Gespräch im Hausflur, die vertraute Runde im Café, ein kurzer Einkauf zu Fuß oder die Nachbarin, die auf dem Heimweg klingelt: Soziale Beziehungen entstehen häufig ganz nebenbei. Was selbstverständlich erscheint, kann im Alter jedoch zunehmend verloren gehen. Der Ruhestand verändert den Alltag, Freundeskreise werden kleiner, Partnerinnen und Partner sterben, gesundheitliche Einschränkungen erschweren den Weg vor die Tür.

Vier Menschen verschiedener Generationen sitzen bei Kaffee und Gebäck am Tisch und tauschen sich in vertrauter Atmosphäre aus.Dabei sind Alleinleben und Einsamkeit nicht dasselbe. Menschen können allein wohnen und ein erfülltes soziales Leben führen. Umgekehrt kann man sich auch inmitten anderer Menschen einsam fühlen. Problematisch wird es insbesondere dann, wenn gewünschte soziale Beziehungen fehlen und zugleich die Möglichkeiten schwinden, selbst neue Kontakte aufzubauen oder bestehende zu erhalten.

Gerade im hohen Alter können mehrere Veränderungen zusammenkommen. Der Neunte Altersbericht der Bundesregierung weist darauf hin, dass gesellschaftliche Teilhabe im Alter sehr unterschiedlich verteilt ist und insbesondere das Zusammentreffen von Pflegebedürftigkeit, sozialer Isolation und Einsamkeit Teilhabe erschweren kann. Wer bereits vor einer schweren Erkrankung nur noch über ein kleines soziales Netzwerk verfügt, kann nicht plötzlich auf eine tragfähige Gemeinschaft zurückgreifen, wenn Unterstützung notwendig wird. Solche Erkenntnisse sind für das Projekt PALLAS interessant und erste Ansatzpunkte für Caring Communities.

Eine Caring Community beginnt nicht erst am Lebensende

Wenn von Caring Communities die Rede ist, denkt man vielleicht zunächst an konkrete Hilfe: Jemand kauft für einen erkrankten Nachbarn ein, begleitet eine ältere Frau zum Arzt oder besucht einen Menschen, der seine Wohnung kaum noch verlassen kann. Doch sorgende Gemeinschaften beginnen früher. Sie entstehen dort, wo Menschen überhaupt Gelegenheit haben, einander kennenzulernen. Wo man sich regelmäßig begegnet, Beziehungen aufbauen kann und bemerkt, wenn jemand plötzlich nicht mehr kommt. Der offene Nachbarschaftstreff, der Gemeinschaftsgarten, die Sitzbank vor dem Haus, das Mehrgenerationenhaus oder der Verein können deshalb ebenso Teil einer sorgenden Infrastruktur sein wie organisierte Unterstützungsangebote.

Die Bundesregierung verfolgt bei ihrer Strategie gegen Einsamkeit entsprechend nicht ausschließlich individuelle Hilfsangebote. Gefördert werden auch Begegnungsorte sowie regionale und kommunale Kooperationsstrukturen. Bundesweit gibt es beispielsweise 530 geförderte Mehrgenerationenhäuser mit offenen Treffs, Kultur-, Freizeit-, Sport-, Informations- und Beratungsangeboten. Mehr als 70 Projekte des ESF-Plus-Programms „Stärkung der Teilhabe älterer Menschen“ setzen ebenfalls auf regionale Vernetzung und neue Teilhabe-Möglichkeiten. Dahinter steht ein wichtiger Perspektivwechsel: Einsamkeit ist zwar eine individuelle Erfahrung, aber die Voraussetzungen für soziale Teilhabe werden auch gesellschaftlich geschaffen.

Kann ein Stadtteil Einsamkeit verhindern?

Mit dem Konzept der Caring Communities gerät das persönliche Lebensumfeld, also das Wohnquartier stärker in den Blick. Wie weit ist der nächste Treffpunkt entfernt? Gibt es Bänke und öffentliche Räume, an denen Menschen verweilen können? Ist der Supermarkt auch mit eingeschränkter Mobilität erreichbar? Existieren Orte, die man aufsuchen kann, ohne etwas konsumieren zu müssen? Gibt es Vereine, Initiativen oder Nachbarschaftstreffs? Und weiß eine ältere Person überhaupt, welche Angebote in ihrer Umgebung bestehen?

Das Kompetenznetz Einsamkeit betrachtet deshalb die Stadt- und Quartiersentwicklung als ein Handlungsfeld der Einsamkeitsprävention. Wohnumfeld, öffentliche Räume, Alltagsinfrastruktur und Teilhabe-Angebote beeinflussen, welche Möglichkeiten für Begegnungen und nachbarschaftliche Beziehungen entstehen. Als Handlungsfelder nennt die Forschung neben der gebauten Umwelt deshalb auch professionelle Unterstützungsangebote und bürgerschaftliches Engagement. Das klingt zunächst weit entfernt von Hospizarbeit und Palliativversorgung. Tatsächlich berührt es aber eine zentrale Frage von PALLAS: Welche Strukturen müssen bereits vorhanden sein, damit Menschen auch bei Krankheit und am Lebensende Teil ihrer Gemeinschaft bleiben können?

Vom Begegnungsort zum Unterstützungsnetzwerk

Ein Mensch, der seit Jahren seine Nachbarinnen und Nachbarn kennt, regelmäßig einen Treffpunkt besucht oder in einem Verein aktiv ist, bringt andere soziale Voraussetzungen mit als jemand, dessen Alltag weitgehend isoliert stattfindet. Caring Communities lassen sich daher nicht erst dann aufbauen, wenn jemand schwer erkrankt. Es genügt daher nicht einfach einen Seniorentreff einzurichten. Menschen, die bereits stark zurückgezogen leben, erreicht man gerade mit klassischen Gruppenangeboten häufig nicht ohne Weiteres. Auch Mobilität, finanzielle Möglichkeiten, Sprachbarrieren, Behinderungen oder die Angst, sich selbst als einsam zu erkennen zu geben, können den Zugang erschweren.

Menschen verschiedener Generationen bepflanzen und pflegen gemeinsam Hochbeete in einem Gemeinschaftsgarten.Die Strategie gegen Einsamkeit betont deshalb zielgruppengerechte, partizipative und barrierefreie Angebote. Für ältere und mobilitätseingeschränkte Menschen werden zudem aufsuchende Ansätze als vielversprechend beschrieben. Entscheidend ist außerdem, einzelne Angebote miteinander zu verbinden. Ein ambulanter Dienst bemerkt vielleicht, dass jemand kaum noch soziale Kontakte hat. Ein Nachbarschaftstreff kennt freiwillig Engagierte. Die Kommune verfügt über Beratungsangebote. Ein Hospizdienst kennt Menschen, die Begleitung anbieten können. Kirchengemeinden, Vereine oder Wohnungsunternehmen verfügen wiederum über Räume und Kontakte im Quartier.

Eine Caring Community entsteht dort, wo aus solchen einzelnen Ressourcen ein Netzwerk wird. Aus diesem Grund beschäftigt sich PALLAS nicht nur mit professioneller Palliativversorgung und Hospizarbeit, sondern untersucht auch, wie kommunale Strukturen, Zivilgesellschaft, freiwilliges Engagement und die Menschen eines Quartiers zusammenspielen können.

Nicht nur versorgen, sondern dazugehören

Besonders wichtig wird diese Perspektive, wenn Menschen schwer erkranken. Krankheit kann bereits bestehende soziale Isolation weiter verstärken. Gewohnte Aktivitäten fallen weg, Mobilität nimmt ab, Freundinnen und Freunde sind im Umgang mit der Erkrankung möglicherweise unsicher. Auch pflegende Angehörige können zunehmend aus dem eigenen sozialen Leben herausfallen. Eine gute medizinische und pflegerische Versorgung allein beantwortet dieses Problem nicht. Denn Menschen benötigen nicht ausschließlich jemanden, der Medikamente bringt, Verbände wechselt oder bei der Körperpflege unterstützt. Sie brauchen Menschen, mit denen sie sprechen, lachen, schweigen oder einen Kaffee trinken können. Menschen, die sie weiterhin als Nachbarin, Freund, Vereinsmitglied oder einfach als Teil ihres Umfelds wahrnehmen – und nicht nur als Patientin oder Patienten. Das macht die Auseinandersetzung mit Einsamkeit zu einem wichtigen Bestandteil der Idee einer Caring Community. Die zentrale Frage lautet daher: Wie gestalten wir unsere Quartiere und Gemeinschaften so, dass Menschen auch dann noch dazugehören, wenn ihr Lebensradius kleiner und ihr Unterstützungsbedarf größer wird?