Wie können Menschen mit einer schweren, lebensbegrenzenden Erkrankung möglichst lange selbstbestimmt in ihrem vertrauten Umfeld leben? Wer ist für sie da, wenn der Alltag schwieriger wird? Und welche Rolle können Familie, Freundeskreis, Nachbarschaft und freiwilliges Engagement neben professioneller Unterstützung übernehmen? Mit diesen Fragen beschäftigt sich PALLAS. Der Projektname steht für „Palliativversorgung, Hospizarbeit und Lokale Akteure in Sorgenden Gemeinschaften“. Im Mittelpunkt steht die Idee, professionelle Palliativversorgung und Hospizarbeit stärker mit dem sozialen Umfeld der Menschen und den Strukturen vor Ort zu verbinden.
Denn ein gutes Leben bis zuletzt ist nicht allein eine Frage guter medizinischer und pflegerischer Versorgung. Menschen brauchen Beziehungen, soziale Teilhabe und das Gefühl, weiterhin Teil ihrer Gemeinschaft zu sein. Angehörige und Freunde spielen dabei ebenso eine Rolle wie Nachbarinnen und Nachbarn, freiwillig Engagierte, Vereine, Kirchengemeinden, soziale Einrichtungen, Kommunen und andere lokale Akteure.
Wenn aus vielen Beteiligten eine sorgende Gemeinschaft wird
PALLAS greift dafür das Konzept der Caring Communities, der sorgenden Gemeinschaften, auf. Dahinter steht die Vorstellung, dass Sorge nicht ausschließlich an professionelle Dienste und Institutionen delegiert werden kann. Eine Gemeinschaft kann selbst Strukturen entwickeln, in denen Menschen füreinander da sind und Verantwortung übernehmen.
Das bedeutet nicht, dass Nachbarschaften professionelle Palliativversorgung oder Hospizarbeit ersetzen sollen. Im Gegenteil: PALLAS interessiert sich gerade für die Verbindungen zwischen beiden Welten.
Wie erfahren Menschen im Quartier, wo sie Unterstützung bekommen können? Wie können Hospizdienste, Palliativversorgung und freiwillig Engagierte besser zusammenarbeiten? Welche Rolle können Kommunen übernehmen? Wie lassen sich Menschen gewinnen, die sich engagieren möchten? Und wie können bestehende Nachbarschaften und lokale Netzwerke gestärkt werden, ohne aus freiwilliger Unterstützung eine neue Verpflichtung zu machen?
Solche sorgenden Strukturen lassen sich nicht am Schreibtisch entwickeln. Deshalb wird der Ansatz von PALLAS gemeinsam mit lokalen Akteurinnen und Akteuren an mehreren Modellstandorten erprobt. Bürgerinnen und Bürger, Kommunen, Initiativen, freiwillig Engagierte sowie Akteure aus Hospizarbeit und Palliativversorgung bringen dabei ihre unterschiedlichen Erfahrungen und Perspektiven ein.
PALLAS begleitet diese Prozesse wissenschaftlich. Untersucht wird, welche Ansätze funktionieren, welche Voraussetzungen Caring Communities benötigen und welche Erfahrungen sich auf andere Kommunen und Sozialräume übertragen lassen. Die Ergebnisse sollen unter anderem in Konzepte, Praxisempfehlungen, Good-Practice-Beispiele und ein Handbuch einfließen.
Sterben ist auch eine gesellschaftliche Frage
Dabei reicht der Blick von PALLAS über konkrete Versorgungsstrukturen hinaus. Denn die Frage, wie Menschen am Lebensende begleitet werden, berührt auch unseren gesellschaftlichen Umgang mit schwerer Krankheit, Sterben, Tod und Trauer. Vieles davon findet heute im Privaten oder innerhalb professioneller Strukturen statt. Für Menschen außerhalb des unmittelbaren Familien- und Freundeskreises ist es häufig schwierig einzuschätzen, wie sie einem schwer erkrankten oder trauernden Menschen begegnen können. Unsicherheit führt nicht selten dazu, dass Kontakte weniger werden – gerade dann, wenn soziale Nähe besonders wichtig sein kann.
Eine Caring Community braucht deshalb nicht nur Angebote und Netzwerke. Sie braucht auch eine Kultur, in der über Krankheit, Sterben, Abschied und Trauer gesprochen werden kann. Dazu gehört die Frage, wie wir füreinander Verantwortung übernehmen wollen, ebenso wie die Anerkennung unterschiedlicher kultureller, religiöser und persönlicher Vorstellungen vom Lebensende.
PALLAS versteht Sterben deshalb nicht ausschließlich als medizinische, pflegerische oder individuelle Angelegenheit. Es ist immer auch ein Teil des gesellschaftlichen Lebens. Das Projekt möchte dazu beitragen, professionelle Versorgung, Hospizarbeit und die Ressourcen lokaler Gemeinschaften besser miteinander zu verbinden. Menschen sollen auch bei schwerer Krankheit und am Lebensende möglichst lange selbstbestimmt leben, soziale Beziehungen erhalten und Teil ihres vertrauten Umfelds bleiben können.
Dahinter steht eine größere Frage, auf die es keine einfache Antwort gibt: Wie wollen wir als Gesellschaft miteinander leben, wenn Menschen schwer erkranken, sterben oder trauern? PALLAS sucht Antworten darauf gemeinsam mit den Menschen vor Ort. Denn wenn der Umgang mit Sterben gesellschaftlich geprägt ist, dann ist er auch gesellschaftlich gestaltbar.
