Quartiersentwicklung – Sozialraum als Ganzes betrachtet

Zwei Menschen sind gleich alt, haben eine vergleichbare Erkrankung und möchten beide möglichst lange zu Hause leben. Trotzdem können ihre Chancen, diesen Wunsch zu verwirklichen, sehr unterschiedlich sein. Die eine Person lebt in einem Quartier, in dem Hausarztpraxis, Apotheke und Einkaufsmöglichkeiten gut erreichbar sind. Es gibt einen ambulanten Hospizdienst, einen Quartierstreff und eine Beratungsstelle, die Nachbarschaft kennt sich. Die andere lebt allein, der Weg zum Supermarkt ist beschwerlich, die Kinder wohnen mehrere hundert Kilometer entfernt und der Bus fährt selten. Die medizinische Diagnose sagt über diese Unterschiede wenig aus. Für den Alltag können sie entscheidend sein. Wer darüber spricht, wie Menschen bei schwerer Krankheit und am Lebensende leben möchten, muss deshalb auch darüber sprechen, wo sie leben.

Palliativversorgung und Hospizarbeit können wesentlich dazu beitragen, dass schwer erkrankte Menschen zu Hause leben und begleitet werden können. Doch professionelle Angebote decken immer nur einen Teil des Alltags ab. Kann ein Mensch noch selbst einkaufen? Gibt es jemanden, der Medikamente aus der Apotheke mitbringt oder zum Arzt begleitet? Kann die Wohnung noch verlassen werden? Gibt es überhaupt einen erreichbaren Ort, an dem Begegnung mit anderen Menschen möglich ist?

Stadtplan mit kleinen Häusern, die durch Linien verbunden sind. Notizen sammeln Ideen zu Begegnungsorten, Unterstützung und gemeinsamer Gestaltung.Das unmittelbare Lebensumfeld wird damit selbst zu einem Faktor dafür, wie lange ein selbst bestimmtes Leben zu Hause möglich bleibt. PALLAS betrachtet vor diesem Hintergrund nicht nur einzelne Versorgungsangebote, sondern den Sozialraum als Ganzes, in dem Menschen leben. Dazu gehören Wohnung und Wohnumfeld, Geschäfte, Arztpraxen, Cafés, Vereine, Kirchengemeinden, Nachbarschaftszentren und Beratungsstellen – aber ebenso die Menschen, die dort leben, und die Beziehungen zwischen ihnen.

Für eine Caring Community sind deshalb zwei Ebenen entscheidend: Infrastruktur und Beziehungen. Ein Quartierstreff in 800 Metern Entfernung hilft einer älteren Person wenig, wenn sie den Weg nicht mehr bewältigen kann. Umgekehrt schafft ein barrierefreier Treffpunkt noch keine Gemeinschaft, wenn zurückgezogen lebende Menschen von seinem Angebot nichts erfahren oder sich dort nicht willkommen fühlen. Sozialraumentwicklung bedeutet deshalb, beides zusammenzudenken: Welche Angebote und Orte gibt es? Wer kann sie erreichen und nutzen? Welche sozialen Netzwerke bestehen bereits – und wo fehlen Verbindungen?

Ein fürsorgliches Quartier schafft Verbindungen

Wie wichtig solche Verbindungen sind, zeigt sich besonders an Übergängen. Ein älterer Mensch wird beispielsweise nach einem Krankenhausaufenthalt nach Hause entlassen. Medizinisch ist alles organisiert: Medikamente sind verordnet, ein Pflegedienst kommt und der nächste Kontrolltermin steht fest. Aber wer erledigt den Einkauf? Wie kommt die Person zur Apotheke? Wer merkt, wenn die Situation zu Hause schwieriger wird? An solchen Schnittstellen setzt beispielsweise die Caring Community Göttingen an. Dort sollen haupt- und ehrenamtliche Akteure, Bürgerinnen und Bürger sowie politische und kommunale Strukturen miteinander verbunden werden. Entscheidend ist dabei nicht nur die Frage, welche Dienstleistung fehlt, sondern: Wer oder was muss miteinander verbunden werden, damit ein Mensch zu Hause zurechtkommt?

Vielleicht existiert bereits ein ehrenamtlicher Fahrdienst, eine Nachbarschaftshilfe oder eine Beratungsstelle. Vielleicht kann ein Nachbar etwas übernehmen. Vielleicht braucht es zusätzliche professionelle Unterstützung. Eine funktionierende lokale Struktur macht solche Möglichkeiten sichtbar und zugänglich. Auch Apotheken, Arztpraxen, Vereine, Wohnungsunternehmen oder Einzelhändler können Teil dieses Gefüges sein. Dabei soll aus der Apothekerin, dem Bäcker oder der Nachbarin keine Sozialarbeiterin und kein Sozialarbeiter werden. Es geht um Aufmerksamkeit und darum, Verbindungen herstellen zu können. Eine Caring Community entsteht dort, wo aus einzelnen Angeboten, Beziehungen und Wahrnehmungen ein tragfähiges Netz wird.

Wohnraumanpassung und vorausschauenden Stadtplanung

Gerade bei fortschreitender Erkrankung wird der persönliche Bewegungsradius häufig kleiner. Dann gewinnt das unmittelbare Umfeld zusätzlich an Bedeutung. Lebensqualität kann bedeuten, weiterhin auf dem Balkon zu sitzen, das Café um die Ecke zu besuchen, zum Wochenmarkt zu gehen oder Menschen im Haus zu treffen. Was früher eine zehnminütige Autofahrt entfernt sein durfte, muss plötzlich mit Rollator oder Rollstuhl erreichbar sein. Ein schlecht abgesenkter Bordstein, fehlende Sitzgelegenheiten oder ein nicht barrierefreier Treffpunkt können darüber entscheiden, ob gesellschaftliche Teilhabe noch möglich ist. Damit berührt die Caring Community unmittelbar Fragen der Stadt- und Quartiersentwicklung.

Allerdings startet nicht jedes Quartier mit denselben Voraussetzungen. Ein innerstädtischer Berliner Bezirk funktioniert anders als eine Kleinstadt oder eine ländliche Region. Bevölkerungsstruktur, Mobilität, Wohnformen, vorhandene Einrichtungen, kommunale Ressourcen und zivilgesellschaftliches Engagement unterscheiden sich.

PALLAS arbeitet deshalb an mehreren Modellstandorten. Untersucht werden soll nicht, wie die eine perfekte Caring Community aussieht, die anschließend überall kopiert werden kann. Interessanter ist, welche Prinzipien sich auf unterschiedliche Sozialräume übertragen lassen: Welche Akteure müssen beteiligt werden? Welche Strukturen bestehen bereits? Wo müssen Verbindungen geschaffen werden? Und wo fehlen grundlegende Voraussetzungen? Denn gute Versorgung am Lebensende besteht nicht allein aus medizinischer, pflegerischer und hospizlicher Unterstützung. Lebensqualität entsteht auch dadurch, weiterhin Teil eines vertrauten Umfelds zu sein.

Die Frage „Wo möchten Sie am Lebensende versorgt werden?“ greift deshalb möglicherweise zu kurz. Die größere Frage lautet: Wie müssen unsere Städte, Gemeinden und Nachbarschaften beschaffen sein, damit Menschen dort auch dann noch leben und dazugehören können, wenn sie alt, schwer krank oder auf Unterstützung angewiesen sind? Damit führt das Thema unmittelbar zur Wohnraumanpassung und vorausschauenden Stadtplanung. Denn eine sorgende Gemeinschaft braucht nicht nur Menschen und soziale Netzwerke. Sie braucht auch Wohnungen, Wege und öffentliche Räume, die ein selbstbestimmtes Leben bis ins hohe Alter ermöglichen.