Perspektivwechsel – ein anderer Blick auf den Tod

Zwei Kunsthandwerker bemalen in einer Werkstatt große, farbenprächtige Särge in Fischform.Wer in einer Werkstatt in Teshie bei Accra in Ghana einen großen, bunt bemalten Fisch aus Holz entdeckt, würde darin vermutlich nicht auf Anhieb einen Sarg erkennen. In anderen Werkstätten entstehen Flugzeuge, Autos, Früchte, Tiere oder Gegenstände des täglichen Lebens. Die figürlichen Särge der Ga sind international als „Fantasy Coffins“ bekannt. Häufig werden sie als Abebuu Adekai bezeichnet – sinngemäß als Behältnisse oder Kisten für Sprichwörter.

So ungewöhnlich ihre Formen aus europäischer Perspektive erscheinen mögen: Sie sind nicht einfach eine möglichst extravagante Art der Bestattung. Ihre Gestaltung kann auf den Beruf eines verstorbenen Menschen, seine gesellschaftliche Stellung, seine Persönlichkeit, seine Lebensgeschichte oder seine Wünsche verweisen. Ein Fischer kann beispielsweise in einem Fisch bestattet werden, eine Händlerin in einem Sarg, der an das Produkt erinnert, mit dem sie ihren Lebensunterhalt verdient hat. Das Smithsonian beschreibt etwa einen Sarg in Form eines Mobiltelefons; das British Museum besitzt unter anderem einen Mercedes-Sarg der Ga. Der Tod bekommt hier eine Form, die unmittelbar mit dem gelebten Leben verbunden ist. Das macht diese Tradition auch für PALLAS interessant.

Ist unser Umgang mit dem Tod selbstverständlich?

Denn ein bunt bemalter Fisch als Sarg erscheint vielen Menschen in Deutschland vermutlich zunächst befremdlicher als ein schlichter Sarg aus dunklem oder hellem Holz. Aber warum eigentlich? Was wir als angemessen, würdevoll oder pietätvoll empfinden, ist nicht naturgegeben. Es ist das Ergebnis kultureller Vorstellungen, religiöser Traditionen, gesellschaftlicher Normen und persönlicher Erfahrungen. Auch unser heutiger Umgang mit Sterben und Tod hat sich historisch verändert.

In modernen Gesellschaften sind Sterben und Tod zudem zunehmend in den Verantwortungsbereich spezialisierter Professionen und Organisationen gerückt. In der Forschung wird dieser Wandel unter anderem mit Begriffen wie Institutionalisierung und Medikalisierung beschrieben. Gleichzeitig wäre es zu einfach, daraus die häufig wiederholte These abzuleiten, unsere Gesellschaft habe den Tod vollständig tabuisiert. Tatsächlich wird öffentlich viel über Sterbehilfe, Hospizversorgung, Patientenverfügungen, Pflege oder ein „gutes Sterben“ gesprochen.

Vielleicht liegt das Problem deshalb weniger darin, dass über den Tod überhaupt nicht gesprochen wird. Interessanter ist die Frage, wo, wie und mit wem wir darüber sprechen. Sterben ist heute häufig Gegenstand medizinischer, pflegerischer, rechtlicher oder ethischer Diskussionen. Im normalen Alltag, in Nachbarschaften, Freundeskreisen und lokalen Gemeinschaften ist es dagegen sehr viel schwieriger, einen Platz dafür zu finden. An dieser Stelle lohnt sich der Blick über die eigenen kulturellen Gewohnheiten hinaus.

Wenn Erinnerung mitten im Leben stattfindet

Ein anderes Beispiel findet sich in Mexiko. Der Día de Muertos ist durch seine Farben, Totenköpfe, Blumen und aufwendig gestalteten Altäre inzwischen weltweit bekannt. Wer darin lediglich ein buntes Volksfest rund um den Tod sieht, verfehlt allerdings einen wesentlichen Teil seiner Bedeutung.

Eine Familie verschiedener Generationen gestaltet gemeinsam einen Altar zum Día de los Muertos mit Fotos, Blumen, Kerzen und Totenköpfen.Die Tradition verbindet indigene Vorstellungen mit katholischen Einflüssen und unterscheidet sich regional erheblich. In vielen Gemeinschaften werden Ende Oktober und Anfang November verstorbene Angehörige symbolisch wieder in die Welt der Lebenden aufgenommen. Familien bereiten Speisen vor, schmücken Gräber und errichten Ofrendas mit Blumen, Kerzen, Fotografien und persönlichen Dingen. Die UNESCO beschreibt das Zusammentreffen von Lebenden und Verstorbenen ausdrücklich auch als eine Praxis mit sozialer Funktion für die Gemeinschaft. Seit 2008 gehören die entsprechenden indigenen Traditionen zum immateriellen Kulturerbe der Menschheit.

Besonders interessant ist daran nicht, dass der Tod in Mexiko vermeintlich „fröhlicher“ betrachtet würde. Auch dort bedeuten Tod und Verlust Trauer und Schmerz. Entscheidend ist etwas anderes: Für Erinnerung gibt es sichtbare, gemeinschaftliche Formen und Räume. Verstorbene bleiben Teil einer Familiengeschichte. Man bereitet gemeinsam etwas vor, erzählt von ihnen, stellt ihre Bilder auf, erinnert sich an ihre Vorlieben und gibt Geschichten an jüngere Generationen weiter. Erinnerung wird damit nicht ausschließlich zu einer privaten Angelegenheit einzelner Trauernder. Und auch darin gibt es eine Parallele zu den figürlichen Särgen der Ga: In beiden Fällen bleibt die Individualität des verstorbenen Menschen sichtbar. Tod bedeutet nicht, dass die Biografie plötzlich bedeutungslos geworden ist.

Es gibt nicht den einen richtigen Umgang mit dem Tod

Ghana und Mexiko sind dabei nur zwei Beispiele. Religiöse Überzeugungen, Bestattungsformen und Trauerrituale unterscheiden sich weltweit – und teilweise erheblich innerhalb eines Landes, einer Religion oder sogar einer Familie. Das ist gerade für eine vielfältige Gesellschaft wie unsere von Bedeutung. Menschen in Deutschland bringen heute sehr unterschiedliche religiöse, kulturelle und biografische Vorstellungen von Sterben, Tod und Trauer mit. Christliche Traditionen stehen neben muslimischen, jüdischen, buddhistischen, hinduistischen oder anderen religiösen Vorstellungen. Hinzu kommen Menschen ohne religiöse Bindung und sehr individuelle Vorstellungen davon, was ein würdevoller Abschied sein kann.

Deshalb wäre es ebenso falsch, von „unserem westlichen Umgang“ mit dem Tod und „den anderen Kulturen“ zu sprechen. Gesellschaften sind keine geschlossenen kulturellen Einheiten. Vorstellungen verändern sich, beeinflussen einander und werden von jeder Generation neu ausgehandelt. Vielleicht liegt genau darin eine Chance. Wir müssen keine mexikanischen Ofrendas übernehmen und auch keine figürlichen Särge nach ghanaischem Vorbild bauen. Aber andere kulturelle Praktiken können etwas sichtbar machen, das im eigenen gesellschaftlichen Kontext leicht selbstverständlich erscheint: Auch unsere Art, mit dem Tod umzugehen, ist nur eine von vielen möglichen.

Damit verändert sich die Fragestellung. Es geht nicht darum, ob andere Nationen anders oder besser mit dem Thema Tod umgehen,  sondern um die Frage, welche gesellschaftlichen Bedingungen Menschen dabei helfen, über das Sterben zu sprechen, Abschied zu gestalten, Trauer zu teilen und Verstorbene in einer positiven Erinnerung zu behalten?

Was hat das mit Caring Communities zu tun?

Für PALLAS führt diese Frage unmittelbar zum Konzept der Caring Communities. Denn eine sorgende Gemeinschaft beginnt nicht erst dort, wo ein Mensch professionelle Unterstützung benötigt. Sie fragt grundsätzlich danach, welche Verantwortung eine Gemeinschaft für ihre Mitglieder übernimmt – auch bei schwerer Krankheit, am Lebensende und nach einem Todesfall.

Professionelle Palliativversorgung und Hospizarbeit bleiben dabei unverzichtbar. Aber sie können nicht sämtliche sozialen Beziehungen ersetzen, die Menschen in dieser Lebensphase benötigen. Angehörige, Freundinnen und Freunde, Nachbarschaften, Vereine, Gemeinden, freiwillig Engagierte und kommunale Strukturen bilden das soziale Umfeld, in dem Menschen leben – und in dem sie häufig auch sterben möchten.

Eine Caring Community stellt deshalb auch kulturelle Fragen: Haben Sterben und Trauer in unserem gemeinschaftlichen Leben überhaupt einen Platz? Wissen Nachbarinnen und Nachbarn, wie sie einem schwer erkrankten Menschen begegnen können? Gibt es Orte, an denen über Tod gesprochen werden darf? Welche Rituale helfen uns? Und wie gehen wir damit um, wenn Menschen innerhalb derselben Nachbarschaft ganz unterschiedliche Vorstellungen von Abschied, Bestattung und Erinnerung haben?

Der Blick nach Ghana oder Mexiko liefert darauf keine fertigen Antworten. Das sollte er auch nicht. Er zeigt vielmehr, dass die Verbindung von Leben und Tod, von Individuum und Gemeinschaft, von Trauer und Erinnerung sehr unterschiedlich gestaltet werden kann. Und vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis: Wenn der Umgang mit Sterben gesellschaftlich geprägt ist, dann ist er auch gesellschaftlich gestaltbar.

PALLAS interessiert sich deshalb nicht nur dafür, wie Menschen am Lebensende besser versorgt werden können. Es geht auch um die größere Frage, wie wir als vielfältige Gesellschaft künftig mit schwerer Krankheit, Sterben, Tod und Trauer leben wollen.