Gemeinsam Sorge tragen – auch am Lebensende
Wie wollen wir als Gesellschaft miteinander leben, wenn Menschen schwer erkranken, sterben oder trauern? Und was braucht es, damit sie auch in dieser Lebensphase möglichst selbstbestimmt in ihrem vertrauten Umfeld bleiben und Teil ihrer Gemeinschaft sein können?
Mit diesen Fragen beschäftigt sich PALLAS – Palliativversorgung, Hospizarbeit und Lokale Akteure in Sorgenden Gemeinschaften. Das bundesweite Modellprojekt bringt professionelle Palliativversorgung und Hospizarbeit mit kommunalen Strukturen, bürgerschaftlichem Engagement und den Menschen vor Ort zusammen.
Dabei geht es nicht darum, ein weiteres Versorgungsangebot zu schaffen. PALLAS richtet den Blick vielmehr auf das Zusammenspiel all jener Menschen und Strukturen, die dazu beitragen können, dass ein gutes Leben auch bei schwerer Krankheit und am Lebensende möglich bleibt.
Warum PALLAS?
Deutschland verfügt über ein differenziertes System der Hospiz- und Palliativversorgung. Ambulante und stationäre Angebote unterstützen schwerstkranke und sterbende Menschen und ihre Angehörigen. Palliativversorgung hat dabei ausdrücklich das Ziel, Lebensqualität und Selbstbestimmung zu erhalten und ein menschenwürdiges Leben bis zum Tod zu ermöglichen.
Doch professionelle Versorgung ist nur ein Teil dessen, was Menschen in dieser Lebensphase benötigen.
Der Alltag findet überwiegend außerhalb professioneller Strukturen statt: in der eigenen Wohnung, im Haus, in der Nachbarschaft und im Quartier. Partnerinnen und Partner, Angehörige und Freunde übernehmen dort viele Aufgaben. Nachbarn helfen beim Einkauf, Menschen aus Vereinen oder Gemeinden halten Kontakt, Ehrenamtliche schenken Zeit und begleiten. Kommunale Einrichtungen, Beratungsstellen und andere lokale Akteure können Unterstützung vermitteln und Begegnung ermöglichen.
Wie gut dieses Zusammenspiel funktioniert, kann erheblichen Einfluss darauf haben, ob Menschen auch bei zunehmendem Unterstützungsbedarf in ihrem vertrauten Umfeld leben und gesellschaftlich eingebunden bleiben können – hier setzt das Projekt PALLAS an.
Was sind sorgende Gemeinschaften?
Eine Caring Community oder sorgende Gemeinschaft geht davon aus, dass Sorge nicht ausschließlich Aufgabe professioneller Dienste oder der engsten Familie ist. Menschen leben in sozialen Zusammenhängen. Familie, Freundeskreis und Nachbarschaft gehören ebenso dazu wie Vereine, Initiativen, Kirchengemeinden, soziale Einrichtungen, Kommunen, Hospizdienste oder Angebote der Palliativversorgung. Eine sorgende Gemeinschaft versucht, diese unterschiedlichen Akteure und Ressourcen miteinander zu verbinden.
Das bedeutet ausdrücklich nicht, professionelle Versorgung durch freiwilliges Engagement zu ersetzen. Medizinische, pflegerische und hospizliche Aufgaben benötigen professionelle und verlässliche Strukturen. Eine Caring Community ergänzt diese um das, was professionelle Versorgung allein nur begrenzt herstellen kann: alltägliche Unterstützung, soziale Beziehungen, Zugehörigkeit und gegenseitige Aufmerksamkeit.
Damit knüpft PALLAS an eine Entwicklung an, die auch in der Hospiz- und Palliativbewegung zunehmend an Bedeutung gewinnt: Sterben, Tod und Trauer sollen nicht ausschließlich als Aufgaben spezialisierter Institutionen verstanden, sondern stärker im gesellschaftlichen Bewusstsein verankert werden.
Was möchte PALLAS erreichen?
PALLAS untersucht, wie solche sorgenden Gemeinschaften konkret entstehen und dauerhaft funktionieren können. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Palliativversorgung, Hospizarbeit, Sozialraum, kommunale Strukturen und bürgerschaftliches Engagement besser zusammenspielen können. Ziel ist es, Rahmenbedingungen für tragfähige lokale Netzwerke zu entwickeln, in denen schwerkranke und sterbende Menschen möglichst selbstbestimmt leben und zugleich Teil ihrer Gemeinschaft bleiben können.
Dabei interessiert uns nicht nur, welche Angebote an einem Ort vorhanden sind. PALLAS fragt auch: Wissen die Beteiligten voneinander? Wie finden Menschen Unterstützung? Wo entstehen Lücken zwischen professioneller Versorgung und Alltag? Welche Rolle können Nachbarschaften und freiwillig Engagierte übernehmen? Was brauchen Angehörige? Wie können Kommunen solche Strukturen unterstützen? Und wie können die Menschen vor Ort selbst an ihrer Gestaltung beteiligt werden? PALLAS betrachtet damit nicht nur die Versorgung eines einzelnen Menschen, sondern auch dessen soziales Umfeld und den Ort, an dem er lebt.
Diese Fragen werden nicht allein theoretisch untersucht. Ein zentraler Bestandteil von PALLAS ist die Arbeit an sechs bis acht Modellstandorten. Dort werden unterschiedliche Ansätze für Caring Communities entwickelt, erprobt und wissenschaftlich begleitet. Bürgerinnen und Bürger, haupt- und ehrenamtlich Engagierte, Akteure aus Hospizarbeit und Palliativversorgung, Kommunen und weitere lokale Organisationen sollen dabei ihre unterschiedlichen Perspektiven einbringen.
Beteiligung ist deshalb ein wesentlicher Bestandteil des Projekts. Befragungen, Workshops, Veranstaltungen und andere Beteiligungsformate helfen dabei herauszufinden, welche Strukturen bereits bestehen, wo Unterstützung fehlt und welche Lösungen zu den jeweiligen Bedingungen vor Ort passen. Denn eine Caring Community lässt sich nicht als fertiges Modell über eine Stadt oder Gemeinde legen. Ein großstädtisches Quartier hat andere Voraussetzungen als eine Kleinstadt oder eine ländliche Region.
PALLAS möchte deshalb herausfinden, was unter welchen Bedingungen funktioniert – und was andere Kommunen und Initiativen daraus lernen können.
Von den Modellstandorten in die Praxis
Die Erfahrungen aus den Modellstandorten werden systematisch ausgewertet und miteinander verglichen. So soll Wissen entstehen, das über die einzelnen Standorte hinaus nutzbar ist. PALLAS verbindet dabei Praxisentwicklung und wissenschaftliche Begleitung. Erkenntnisse aus den Standorten fließen in die weitere Projektarbeit ein und werden zugleich für Praxis, Politik und Fachöffentlichkeit aufbereitet.
Im Projektverlauf entstehen unter anderem Konzepte, Evaluationsergebnisse, Beispiele guter Praxis und Empfehlungen. Damit soll PALLAS einen Beitrag dazu leisten, Caring Communities auch über die beteiligten Modellstandorte hinaus weiterzuentwickeln.
Das Projekt läuft bis zum 30. Juni 2029.
Wer steht hinter PALLAS?
PALLAS wird vom Kuratorium Deutsche Altershilfe – Wilhelmine-Lübke-Stiftung e. V. (KDA) durchgeführt. Das KDA beschäftigt sich seit mehr als sechs Jahrzehnten mit der Frage, wie die Lebensbedingungen älterer Menschen verbessert und gesellschaftliche Strukturen für ein gutes Leben im Alter weiterentwickelt werden können. Zu seinen Arbeitsfeldern gehören unter anderem altersgerechtes Wohnen, Quartiers- und Sozialraumentwicklung, Pflege und Versorgung sowie die Stärkung von Teilhabe und gemeinschaftlichen Strukturen.
Diese Perspektive prägt auch PALLAS: Schwerkranke und sterbende Menschen werden nicht ausschließlich unter dem Gesichtspunkt ihrer medizinischen oder pflegerischen Versorgung betrachtet. Entscheidend ist ebenso, wie sie wohnen, welche Menschen sie umgeben, welche Möglichkeiten zur Teilhabe bestehen und welche Unterstützung ihr unmittelbares Lebensumfeld bieten kann.
PALLAS wird durch das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ) gefördert. Das Bundesfamilienministerium unterstützt seit vielen Jahren Vorhaben zur Weiterentwicklung der Hospiz- und Palliativversorgung und zur gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit Sterben, Tod und Trauer.
Eine gesellschaftliche Aufgabe
PALLAS versteht Caring Communities letztlich nicht nur als neues Konzept für die Hospiz- und Palliativversorgung. Es geht um eine grundsätzlichere Frage: Welche Verantwortung wollen und können wir als Gemeinschaft füreinander übernehmen?
Eine schwere Erkrankung verändert das Leben eines Menschen, aber auch das seines Umfelds. Professionelle Versorgung kann dabei Sicherheit schaffen, Beschwerden lindern und Unterstützung bieten. Ein gutes Leben bis zuletzt braucht jedoch häufig noch etwas anderes: Menschen, die bleiben, Beziehungen, die tragen, Orte, an denen Teilhabe möglich ist, und eine Gemeinschaft, in der Krankheit, Sterben, Tod und Trauer ihren Platz haben dürfen. PALLAS möchte dazu beitragen, solche Strukturen zu entwickeln und herauszufinden, wie sie langfristig tragfähig werden können.
Denn wenn der Umgang mit Sterben gesellschaftlich geprägt ist, dann ist er auch gesellschaftlich gestaltbar.
